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Wie gesund ist Wein wirklich?

Wein ist eins der Lieblingsgetränke der Deutschen. Doch so gesund, wie oft behauptet wird, ist der Rebensaft keineswegs


Ob rot oder weiß: Diabetiker sollten eher trockene Weine wählen

Ein wahres Wundermittel soll er sein, der Wein. Das behaupten nicht nur Winzer. Auch Wissenschaftler entdecken immer neue gesundheitsfördernde Eigenschaften. Mäßig, aber regelmäßig genossen, soll der edle Tropfen vor Herzinfarkt, Schlaganfall und Diabetes schützen, Entzündungen eindämmen und sogar das Krebsrisiko senken. Als "mäßig" gelten übrigens täglich 100 Milliliter bei Frauen und 200 Milliliter bei Männern.

Darf man also guten Gewissens jeden Abend ein Gläschen heben? Oder sollte das vielleicht sogar? "Es gibt tatsächlich Hinweise darauf, dass Menschen mittleren Alters, die regelmäßig geringe Mengen Wein trinken, länger leben", bestätigt Christian-Dominik Möller, Chefarzt der Klinik für Diabetologie und Ernährungsmedizin des Bürgerhospitals Frankfurt am Main. Wissenschaftliche Beweise dafür gibt es jedoch keine. Auch andere Gründe könnten diese Beobachtung erklären: Zum Beispiel, dass sich Menschen, die Wein trinken, auch gern bewegen und viel Obst und Gemüse essen.

Sekundäre Pflanzenstoffe können die Durchblutung verbessern

Die möglichen gesundheitsfördernden Effekte von Wein erklären Fachleute mit zwei Inhaltsstoffen: den Polyphenolen und dem Alkohol. Polyphenole sind sekundäre Pflanzenstoffe. Sie wirken als Antioxidanzien und schützen die Zellen vor aggressiven Sauerstoffverbindungen. Polyphenole stecken vor allem in den Schalen der Trauben. Beim Keltern von Rotwein werden die Schalen mitverwendet, weshalb er mehr Polyphenole enthält als Weißwein. Alkohol wiederum senkt das "schlechte", die Arterienverkalkung fördernde LDL-Cholesterin, hemmt die Gerinnselbildung und senkt dadurch das Risiko für einen Gefäßverschluss.

Klingt im Prinzip nach trinkbarer Medizin. Dummerweise hat Alkohol jedoch noch andere, weniger erfreuliche Wirkungen. Und zwar auch in kleinen Mengen. Und die machen die günstigen Effekte der Polyphenole rasch zunichte.

Alkohol liefert "Kalorien satt" – und erhöht den Blutdruck

Alkohol lässt zum einen den Blutdruck steigen. Hohe Blutdruckwerte sind Stress pur für die Gefäße, zumal wenn sie vom Diabetes ohnehin angegriffen sind. Das Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall, Augenschäden oder Impotenz steigt dadurch deutlich.

Zum anderen liefert der Alkohol  eine Menge Kalorien. Fast so viele wie Fett und rund doppelt so viele wie Eiweiß oder Kohlenhydrate. Wer ein Gewichtsproblem hat, sollte sich schon aus diesem Grund mit alkoholischen Getränken zurückhalten.

Dazu kommt, dass Alkohol der Leber zusetzt. Viele übergewichtige Diabetiker haben bereits eine Fettleber, die von den im Alkohol enthaltenen Kalorien zusätzlich genährt wird. Häufig entwickelt sich in der verfetteten Leber eine Entzündung, die auf Dauer zu einer Leberzirrhose oder gar zu Leberkrebs führen kann. Außerdem wirkt sich Fett in der Leber ungünstig auf den Zuckerstoffwechsel aus.

Gift für Leber, Darm und Nerven

"Auch das Krebsrisiko kann bei regelmäßigem Alkoholgenuss steigen", erklärt Experte Möller. Studien zeigen etwa, dass Diabetiker und übergewichtige Menschen häufiger an Dickdarmkrebs erkranken. Alkohol erhöht dieses Risiko zusätzlich.
Und nicht zuletzt geht Alkohol "auf die Nerven". Ähnlich wie erhöhte Zuckerwerte schädigt er die Nervenbahnen überall im Körper. Mögliche Folgen: Schmerzen oder Missempfindungen in Füßen und Beinen, ebenso wie Probleme mit Magen, Darm oder Blase.

Wem angesichts dieser Warnhinweise die Lust auf ein Gläschen Roten oder Weißen noch nicht völlig vergangen ist, der sollte seinem Diabetes zuliebe trockene Weine bevorzugen. Sie enthalten laut EU-Weinrecht höchstens neun Gramm Restzucker pro Liter. Bei trockenen Classic-Weinen sind 15 Gramm, bei halbtrockenen Weinen 18 Gramm und bei lieblichen sogar bis zu 45 Gramm Restzucker pro Liter erlaubt. Weine aus deutschen Landen tragen diese Bezeichnungen in der Regel auf dem Etikett; bei ausländischen Weinen hilft oft nur die Beschriftung am Supermarktregal oder die Nachfrage beim Weinhändler weiter.

Risiko für Unterzuckerungen steigt – auch noch nach Stunden!

Noch etwas sollten Diabetiker  wissen – zumindest wenn sie blutzuckersenkende Tabletten einnehmen oder Insulin spritzen: Alkohol fördert Unterzuckerungen, und zwar noch bis zu zwölf Stunden später. Denn er hemmt die Produktion und Freisetzung von Zucker in der Leber. Die Leber ist ein wichtiges Zuckerspeicher-Organ, aus dem der Körper seinen Energiebedarf deckt, wenn man nicht gerade etwas gegessen hat – etwa in der Nacht. Deshalb rät Experte Möller: "zum Wein immer etwas essen und die im Wein enthaltenen Kohlenhydrate nicht mit Insulin wegspritzen".

Außerdem rät er, vor dem Schlafen den Blutzuckerspiegel zu kontrollieren und bei Werten unter 120 mg/dl (6,7 mmol/l) noch einige langsam ins Blut gehende Kohlenhydrate zu essen, etwa eine Scheibe Vollkornbrot. So lässt sich nächtliche Unterzuckerungen entgegenwirken.

Je feuchtfröhlicher ein Abend, desto größer ist übrigens das Risiko: Denn wer zwischendurch auch noch das Tanzbein schwingt, riskiert erst recht, dass seine Zuckerwerte abstürzen – weil körperliche Aktivität bekanntlich ebenfalls Energie verbraucht. In solchen Ausnahmefällen sollte man mit einem etwas höheren Blutzuckerwert als gewohnt ins Bett gehen.

Erst Wasser, dann Wein

Möllers vielleicht wichtigster Rat für Diabetiker: Wein nicht regelmäßig trinken, sondern möglichst nur zu besonderen Anlässen. Und dann bewusst und maßvoll genießen. Keinesfalls sollte man Wein als Durstlöscher missbrauchen: Gegen diese Versuchung hilft am besten ein großes Glas Wasser vorneweg.


Warum gibt es keinen "Diabetikerwein" mehr?

Nachgefragt bei Christian-Dominik Möller, Diabetologe und Ernährungsmediziner am Bürgerhospital in Frankfurt am Main.

Bis vor einigen Jahren gab es Weine mit der Empfehlung "Für Diabetiker geeignet". Was hatte es damit auf sich?
Laut Weinverordnung durften diese Weine 20 Gramm Zucker pro Liter enthalten, aber nur vier Gramm Glukose – also Traubenzucker, der den Blutzucker schnell steigen lässt.

Und die restlichen 16 Gramm?
Bestanden hauptsächlich aus Fruchtzucker, der dem Wein nach dem Gärprozess zugesetzt wurde, damit er weniger trocken schmeckt. Damals glaubte man, Fruktose sei für Diabetiker günstiger als Glukose.

Das hat sich inzwischen geändert …
Fruktose bietet gegenüber Glukose kaum Vorteile. Zu viel davon kann sogar schaden. "Diabetikerweine" gibt es daher nicht mehr, zumal gesundheitsbezogene Angaben auf alkoholischen Getränken seit Juli 2007 nicht mehr erlaubt sind. Ab 2012 dürfen auch Lebensmittel nicht mehr als "Diabetiker-Lebensmittel" etikettiert werden.

Welche Weine können Diabetiker trinken?
Wenn, dann bevorzugt einen trockenen Wein.

 


Was steckt drin?

Kalorien- und Alkoholgehalt verschiedener Weinsorten

Alkohol
(Gramm)
KH
(Gramm)
Brennwert
(kcal)
Weißwein trocken 9,5 0,5 69
halbtrocken 8,5 2 68
lieblich 8 3 68
Rotwein trocken 8 2,4 65
lieblich 9,8 2,5 78
Roséwein 8,7 2,5 71


Dr. Sabine Haaß / Diabetes Ratgeber; 27.12.2011, aktualisiert am 29.12.2011
Bildnachweis: Thinkstock/iStockphoto

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